Geben Sie ein Stichwort ein

 

6. Berlin-Brandenburger Pflegetag fordert Paradigmenwechsel in der Pflege (14.02.2008)

Mit einem entschiedenen Appell für mehr Transparenz sowie eine verbesserte Vernetzung und Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure der Pflegebranche...

Berlin, 14. Februar 2008. Mit einem entschiedenen Appell für mehr Transparenz sowie eine verbesserte Vernetzung und Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure der Pflegebranche wendet sich der 6. Berlin-Brandenburger Pflegetag an die Öffentlichkeit. Hochrangige Experten aus Politik und Gesundheitswirtschaft forderten darüber hinaus eine Anpassung des Begriffs der Pflegebedürftigkeit sowie eine umfassende Reform der Versorgungsstrukturen. Der von der Evangelischen Fachhochschule Berlin in Kooperation mit IQ - Innovative Qualifikation in der Altenpflege GmbH veranstaltete Kongress widmete sich dem Thema "Auswirkungen der Pflegereform auf die Pflege und Betreuung alter Menschen". Im Mittelpunkt stand hier die Frage, wie die Pflegereform so umgesetzt werden kann, dass sie den wirklichen Bedürfnissen der pflegebedürftigen älteren Menschen entspricht. 

"Zwar ist der Gesetzentwurf nicht so umfassend, wie wir es uns alle gewünscht hätten und wie es auch nötig gewesen wäre, um die Absicherung der Pflege wirklich zukunftsfest zu machen. Aber dennoch gibt es einige wichtige Änderungen, die positive Auswirkungen auf die pflegerische Leistungs- und Versorgungsstruktur haben und für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zusätzliche finanzielle Spielräume eröffnen", eröffnet Dr. Heidi Knake-Werner, Senatorin für Integration Arbeit und Soziales, die Diskussion vor den rund 200 Experten in der Evangelischen Fachhochschule Berlin.

Bessere Pflegequalität durch mehr Transparenz
Eine kontroverse Debatte entwickelte sich in der hochkarätig besetzten Expertenrunde (Kirchenrätin Susanne Kahl-Passoth, Henry Kotek, Leiter Unternehmensplanung /Grundsatzfragen der AOK, Dieter Lang, Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., Wolfgang Pinecki, Bundesverband Privater Anbieter sozialer Dienste e.V., Dr. Jochen Schellenberg, GF KATHARINENHOF®) zum Thema Pflegestützpunkte. Kritik an dem jetzigen Modell wurde zum einen bezüglich der Frequentierung der Pflegestützpunkte geübt: So kämen auf eine Einrichtung rund 20.000 potenzielle Kunden. Es sei problematisch diese Zahlen pauschal zu verwenden, da sie individuell für die jeweiligen Regionen betrachtet werden müssen.
Zum anderen stand die Ausbildung der Pflegeberater zur Disposition. So könne eine adäquate Betreuung nur dann geboten werden, wenn die Berater über umfangreiches Wissen - von der Pflegeversicherung bis hin zu sozialpädagogischen Inhalten - verfügen. Diesem Anspruch gerecht zu werden, sei nicht möglich. Vielmehr sollte die vorhandenen Potenziale vernetzt und gebündelt werden. 
Konsens dagegen herrschte bezüglich der Transparenzoffensive. Eine Veröffentlichung von kundenorientierten Qualitätsberichten der Pflegeeinrichtungen sei maßgeblich für eine Verbesserung der Pflegequalität in Deutschland. "Bei der Umsetzung der Pflegereform ist es unabdingbar, dass die Versorgungsangebote auf die Ansprüche der pflegebedürftigen Menschen ausgerichtet werden und nicht umgekehrt. Leistungen dürfen nicht vereinheitlicht, sondern transparent gestaltet werden, damit der Angehörige die Pflegeeinrichtung und ihre Angebote miteinander vergleichen kann", erläutert Dr. Jochen Schellenberg, Geschäftsführer der KATHARINENHOF® Seniorenwohn- und Pflegeanlage Betriebs-GmbH. "Der Fokus liegt auf dem Menschen - auf seiner Individualität und Wünschen sowie den medizinischen Erfordernissen. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Stärkung alternativer Wohn- und Pflegekonzepte zunehmend an Bedeutung", so Schellenberg weiter.
 
Eine zukunftsorientierte Entwicklung der Pflegereform
Über diese Punkte hinaus verdeutlichten die Referenten in den Fachforen, dass der Begriff der Pflegebedürftigkeit umfassend erweitert werden müsse, sodass die große Zahl demenziell erkrankter Menschen nicht länger aus dem Kreis der Leistungsempfänger ausgeschlossen werden. Die Reform müsse also am individuellen Pflegebedarf der betreffenden Personen ansetzen und die Mittel zielgerichteter und wirksamer zur Verfügung stellen. Vor diesem Hintergrund fehle es bei der Pflegereform vor allen Dingen an einer nachhaltigen und zukunftssicheren Finanzierung, die den steigenden Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft gerecht werden kann. Angeregt wurde darüber hinaus die Initiierung einer bundesweiten Interessenvertretung, die die gemeinsamen Belange aller pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt stellt und auf diesem Weg die unterschiedlichen Angehörigeninitiativen vereint. Eine derartige Kooperation würde einen gemeinsamen Ansprechpartner für die Politik darstellen und somit den Angehörigen mehr Gewicht verleihen.

Netzwerke als Vorraussetzung für Kontinuität in der Pflege
Neben der fruchtbaren Diskussion zur Umsetzung der Pflegereform wird der 6. Berlin-Brandenburger Pflegetag nicht nur seiner wichtigen Funktion als Impulsgeber für eine humane und integrative Weiterentwicklung des Gesundheits- und Pflegewesens gerecht. Immer mehr steht auch der Aufbau von Netzwerken in der Pflegebranche im Vordergrund einer qualitativen Pflege der Zukunft. Diese Funktion sehen nicht nur die die Initiatoren als einen maßgeblichen Punkt zur bedürfnisorientierten Realisierung der Pflegereform.

"Wenn pflegebedürftige ältere Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen in allen Lebensphasen angemessen betreut werden sollen, muss es eine Kooperation zwischen den verschiedenen Anbietern von Pflegeleistungen sowie medizinischer Betreuung geben. Nur auf diesem Wege kann eine Kontinuität in der Pflege aufgebaut werden", erläutert Prof. Dr. Olivia Dibelius, Evangelische Fachhochschule Berlin. Diesen Ansatz unterstreicht auch Alfred T. Hoffmann, IQ-Innovative Qualifikation in  der Altenpflege: "Der Berlin-Brandenburger Pflegetag versteht sich als eine wichtige Plattform für Entscheider aus Politik und Gesundheitswirtschaft. Der aus derartigen Veranstaltungen resultierende Wissenstransfer, dessen Grundlage eben diese vernetzten Strukturen sind, ist die Vorraussetzung für eine angemessene und individuelle Pflege. Dass diese zum bundesweiten Maßstab wird, sehen wir als unsere Aufgabe an."